©Orlando of Flytographer in Barcelona

Nutzen Sie dieses Zeitgeschenk

Angesichts der COVID-19-Pandemie, die die Verschiebung der Olympischen Spiele 2020 in Tokio erforderlich macht, verrät Tianna Bartoletta, Weitsprung-Meisterin von Rio 2016, wie sie mit der beispiellosen Situation umgeht, und sie erklärt, weshalb man das zusätzliche Jahr als Chance sehen sollte, um körperlich und geistig stärker zu werden.

  • Seit dem Gewinn der Goldmedaille in Rio sah sich die US-Sprinterin und Weitspringerin Tianna Bartoletta mit einer Reihe gesundheitlicher Rückschläge konfrontiert.
  • Nachdem sie sich von einer Notoperation erholt hatte, um einen Tumor zu entfernen, wurde ihr Trainings-Comeback durch die COVID-19-Pandemie gestoppt.
  • Mit der Verschiebung von Tokio 2020 will Tianna die Chance nutzen, die dieses zusätzliche Jahr bietet, um gesund zu werden und ihren Weitsprungtitel zu verteidigen.

Nach dem Gewinn der Goldmedaille in Rio 2016 folgte 2017 eine hart umkämpfte Bronzemedaille bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Doch im folgenden Jahr verstauchte ich mir den Knöchel so sehr, dass meine Saison vorzeitig beendet war. Im Jahr 2019 beschloss ich, wieder an den Start zu gehen, aber der Knöchel war noch nicht geheilt, also begleitete mich die ganze Saison über Frustration. Gleichzeitig erfuhr ich, dass ich eine schwere Anämie hatte.

„Ich hatte das Gefühl, ich würde sterben“

Als ich den Knöchel in unserem Olympischen Trainingszentrum in Colorado behandeln ließ, wurde ich tatsächlich ohnmächtig. Ich wurde ins Krankenhaus geschickt und erfuhr, dass ich einen extremen Blut- und Eisenmangel hätte; ich war ein totales Wrack. Ich verbrachte die nächsten Monate mit Pendelflügen nach Colorado und erhielt Eiseninfusionen, aber es ging mir nicht besser; mein Körper heilte nicht.

Es lief nicht gut und ich dachte: „Großartig, das ist die perfekte Vorbereitung für eine amtierende Olympiasiegerin“. Es war wahrscheinlich der schlimmste Vierjahreszeitraum, den ich je zwischen den Olympischen Spielen erlebt hatte. Ich war wirklich frustriert über die Tatsache, dass ich nicht die Gelegenheit bekommen sollte, im Vorfeld des olympischen Jahres irgendetwas Erfreuliches zu erleben. Alles war ein großer Kampf.

Im November vergangenen Jahres wurde es schließlich zu viel. Ich hatte das Gefühl, ich würde sterben. Ich spürte, dass ich fertig war. Ich zwang meine Ärzte regelrecht, nochmals alles zu durchleuchten, bevor ich die Entscheidung träfe, einfach vom Sport zurückzutreten. Da erfuhren wir, dass ich einen Tumor hatte, der nur vier Stunden später entfernt wurde. Ab diesem Zeitpunkt musste ich die Genehmigung der WADA für Bluttransfusionen einholen, weil ich so viel Blut verloren hatte. Aber endlich begann ich mich wieder gut zu fühlen.

„Alles kam zum kompletten Stillstand“

Ich hatte gerade meine dritte Trainingswoche in Folge beendet, als für Kalifornien, wegen des Coronavirus, Ausgangsbeschränkungen erklärt wurden. Jede Strecke und jede Turnhalle wurde im Grunde genommen geschlossen; alles kam zum kompletten Stillstand.

Zu dem Zeitpunkt habe ich ehrlich gesagt gelacht, damit ich nicht weinen muss. Ich hatte endlich wieder zu meiner körperlichen Stärke gefunden, ich trainierte endlich gut, als es etwas Neues zu überwinden und zu verarbeiten galt.

Doch der Grund, weshalb ich diese Situation jetzt begrüße, ist, dass ich all das mit zu den Wettbewerben nehme. Wenn man mich an der Startlinie sieht, wird vollkommen klar sein, was mir abverlangt wurde, um es so weit zu schaffen. Das trage ich bei mir. Das ist mein Antrieb, der mich auf diese Weise durch große Meisterschaften wie die Olympischen Spiele trägt; ich fokussiere mich auf das Wesentliche und lege los. Das ist also eine weitere Angelegenheit dieser Art.

„Vielen Dank für dieses Zeitgeschenk“

Wenn ich über mich selbst und meine gesundheitlichen Probleme – und die Tatsache, dass ich nicht trainieren konnte, weil die Strecke gesperrt, das Fitnessstudio geschlossen war – nachdachte, kam mir nur der Gedanke: „Danke für dieses Zeitgeschenk”. Eine Verschiebung der Olympischen Spiele garantiert mir keinen Platz im Team; dies garantiert mir keine Medaille. Aber jetzt habe ich die Zeit, mich noch besser vorzubereiten.

Ich war mir nicht sicher, ob ich rechtzeitig zu den Olympiatrials der Vereinigten Staaten wieder in Bestform kommen würde, daher bin ich dankbar für die Zeit, die mir jetzt bleibt, um zu heilen, da ich diese zuvor natürlich nicht gehabt hätte.

Diese Chance zu verpassen wäre das bedauernswerteste Ereignis meines Lebens. Also lasse ich diese Chance nicht aus. Das ist jetzt die Motivation. Ich erinnere mich an das erste Training nach der Bekanntgabe der Verschiebung, und es war tatsächlich eine meiner besten Trainingseinheiten.

„Mach einfach das, was du jetzt machen kannst.“

Meine Botschaft an andere Athletinnen und Athleten in dieser Zeit lautet nur: „Achte auf dich”. Das hat für viele verschiedene Menschen eine sehr unterschiedliche Bedeutung. Denkt in Bezug auf die Olympischen Spiele nicht in der Kategorie: „Werde ich bereit sein, wenn ich dort antrete?“ Tut euch das nicht an. Ich meine es ist schon so schwer genug, ein Team zu bilden. Es ist schon so schwer genug, Olympionike zu werden. Darüber müsst ihr euch heute keine Sorgen machen. Heute zählt, wie ihr am besten auf euch achten könnt? Das kann bedeuten, nochmal ins Bett zu gehen und noch ein paar Stunden zu schlafen.

Falls euch das Produktivsein in dieser Zeit ein schlechtes Gefühl gibt, dann lasst es. Achtet auf euch. Und das bezieht sich auf den Athleten in euch und auf eure restliche Persönlichkeit. Das ist wirklich wichtig. Ich denke, dass viele von uns darauf fokussiert sind, wie sie auf den Athleten in sich achten können. Dann vernachlässigen wir die Seite der psychischen Gesundheit, die Konsequenzen der Isolation oder sogar das Gefühl einer gewissen Sinnkrise.

Ich denke, dass viele von uns darauf fokussiert sind, wie sie auf den Athleten in sich achten können. Dann vernachlässigen wir die Seite der psychischen Gesundheit, die Konsequenzen der Isolation oder sogar das Gefühl einer gewissen Sinnkrise.

Also zeigt einfach Anteilnahme, nehmt es leicht. Niemand geht gerade der Arbeit nach, der man sich eigentlich gerne widmen würde. Also mach einfach das, was du jetzt machen kannst.

Dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit ist dann weg. Das ist das andere, was wir aus dieser Situation lernen – die Hoffnung ist mächtig. Lasst uns also weiterhin nach vorne schauen, den Fokus auf das legen, was wir machen können, optimistisch sein und hoffen, dass wir es zu den Olympischen Spielen schaffen. Das werden wir. Wir alle schaffen es, dorthin zu gelangen.

Athlete365 berät Athleten und Experten beim Umgang mit der Pandemie und bezüglich Änderungen Ihres Zeitplans. Die besten Tipps von Sportpsychologe Paul Wylleman dazu, wie man positiv bleibt, findet Ihr hier